Fanatismus.
19:20
vor ein paar wochen habe ich meinem freund eine alte bewerbung von mir gezeigt. mussten wir damals in der schule anfertigen, ich denke es war die 9. oder 10. klasse. anbei natürlich die bis dato letzten drei zeugnisse. meinem freund sind beim anblick meiner noten fast die augen herausgekullert. einen durchschnitt von 1,7 auf einem gymnasium ist seines erachtens nach überaus lobenswert. weiß ich auch mittlerweile. früher, zur damaligen zeit, war es für mich grottenschlecht. und grottenschlecht ist alles, was nicht gut genug ist. nun weiß ich meinen damaligen ehrgeiz zu schätzen, ich kann stolz auf mich sein, zu den besten gehört zu haben, damals reichte mir das nicht. bzw, ich ließ es nicht an mich heran.
ich wollte die beste sein. die einzigen noten waren nach meinem maßstab 1 und 6. entweder perfekt oder miserabel. mit allem dazwischen konnte ich nichts anfangen, mit großem wohlwollen nicht mal mit einer 1 minus. was bedeutet schon eine 2 ? es war nicht perfekt. es war durchschnitt. und so durchschnittlich sein wie meine klassenkameraden durfte ich nicht. ich habe es mir geschworen. gute noten waren kein zeichen von intelligenz oder wissen, sie waren der beweis von ehrgeiz. ich paukte lateinvokabeln auch dann noch, wenn sie schon saßen. sicherheit. gegen halb 6 stand ich morgens auf. und während ich auf dem bett gymnastik mache, ging ich noch ein mal meine hausaufgaben durch. schaute mir den stoff für die kommenden stunden an. insgeheim war es eine tortur, der ich mich unterwarf, genau wie das sportpensum, was jeden tag zu bewerkstelligen war. nach der schule wurden die hausaufgaben erledigt, dann der stoff der nächsten themen durchgekaut, altes wiederholt, bis ich spätabends anfing, sport zu treiben. sport und schule machten damals 80% meiner tagesbeschäftigungen aus. wie ich lernte, so bewegte ich mich. warum nur 2 stunden rad fahren, wenn man noch eine halbe stunde dranhängen konnte ? wenigstens waren es morgen dann ja ein paar gramm weniger auf der waage, also los, du fettes stück, beweg dich. faule mistsau. dick ist schwach und unbedeutend. zwar war ich auch mager unbedeutend für meine klassenkameraden, ich war die unheimliche, die ekelhafte, die magersüchtige. die mit den blauen händen, im sommer, wie im winter. die, die nie da ist. nichts sagt aber von den lehrern vergöttert wird. ich habe oft gefehlt. ich glaube, meine fehlstunden beliefen sich zu meinen besten krankheitsszeiten auf über 100. natürlich alle entschuldigt. auf mama war verlass. sie schrieb zwar weder depressionen noch angstattacken als grund ins heftchen, aber die lehrer wussten wohl bescheid. und es war ihnen recht, denn ich wiederholte zuhause spielend den versäumten stoff (zu hause lernt es sich eben besser) und reichte ihn bei der nächsten gelegenheit mitsamt umfangreichen hausaufgaben am ende der stunde nach. das musste ich ja, sie mussten doch wissen, wie gut ich war. ich musste mich ständig spiegeln. und eine am nachmittag mitgebrachte einserklausur war bei mir am nächsten morgen wieder vergessen.
ich weiß noch, meine leider bis jetzt letzte deutschklausur. ich hatte mich dazu entschlossen, die elfte klasse zu wiederholen, weil ich auf reha musste und somit die erste hälfte der 12. verpasst hätte. und weil ich sowieso genug mit meinem kopf zu tun hatte, erschien mir das nachholen des stoffes als zu umfangreich. wenigstens hatte sich meine sicht auf die schulischen dinge ein wenig gebessert. jedenfalls sollte die klausur über schillers räuber handeln. die lektüre hatten alle in meinem kurs gelesen, außer ich, den ich habe die ganze zeit nur noch gefehlt. also las ich das buch einen tag vor der kausur durch und war guter dinge. in deutsch bin ich exzellent, das war damals wie heute eine tatsache. auch wenn ich heute alles nüchterner sehe. ich schrieb also die klausur, eine einfache textanalyse & interpretation, fast 20 seiten, und heimste mir eine eins ein. damals war mir das egal, ich war eben gut, habe ich es eben noch mal beweisen. jetzt ist es für mich eher ein wunder, wenn man bedenkt, dass ich knapp einen monat später in der psychiatrie gelandet bin und es mir dementsprechend ging. vielleicht kann ich es jetzt noch auf meinen iq schieben. etwas, mit dem ich mich schon seit längerer zeit befasse. und jetzt grade drohe, abzuschweifen. aber ich frage mich, wie es möglich ist, dass menschen unterschiedliche iqs haben. wie kommt es dazu ? ist ein iq von geburt an vorgegeben ?? ich will damit nicht behaupten, dass es eben dumme und kluge menschen gibt. das hat kein niveau. sondern, dass somit auch die veranlagung zu, beispielsweise psychischen erkrankungen, genetisch vorgegeben ist. angsterkrankungen können nur bei überdurchschnittlich intelligenten menschen vorkommen. vielleicht ein fairer ausgleich ;)
- aber mit welchem recht und warum ?
gut, lassen wir das. die beschäftigung mit dem schulstoff gab mir die möglichkeit, mich zu schützen. vor all den dingen, die andere teenager eben so tun. man mied mich, weil ich nur lernen im kopf hatte. ich fühlte mich anderen überlegen, weil ich mich für intelligenter hielt. ich weiß jetzt, dass ich genauso frustriert und allein war wie viele andere auch. schule, bestätigung, messbare ergebnisse, meine art, vor den dingen zu fliehen. mich zu beweisen. vielleicht anerkannt zu werden. wenn man übersehen wird. ich blicke zurück und habe mitleid mit mir. ich tue mir leid, ich habe mich für die augen der anderen gequält, für mein eigenes urteil, meine messlatte, mein ewiges vorankommen. ich habe mich bestraft, immer und immer wieder.
und, ganz ehrlich, manchmal da sehn ich mich zurück in die schulzeit. was für sorgen hatte ich damals, die heute für mich nichtig sind. sorgen, überdeckt durch alltägliches.
so gern will ich zurück.